52/I/2022 Klassenloses Bahnfahren im Regionalverkehr

Status:
Annahme

Die SPD Brandenburg fordert die Abschaffung der ersten Klasse in Regionalbahnen. Der Landesvorstand sowie die Landtags- und Bundestagsfraktionen der SPD werden aufgefordert, sich dafür einzusetzen, dass die öffentlichen Aufgabenträger*innen zukünftig ausschließlich Regionalzüge ohne Klassenspezifizierung bei den Eisenbahnunternehmen bestellen, um – verbunden mit einem generellen Ausbau der Taktung und Kapazitäten im Regionalverkehr – einen Beitrag zu einer zukunftsgerechten und für möglichst viele Bürger*innen attraktiven öffentlichen Verkehrsinfrastruktur zu leisten.

Begründung:

Nicht zuletzt die überwältigend positive Resonanz auf das 9-Euro-Ticket zeigt: Niedrigschwelliger Schienenpersonennahverkehr steht im Mittelpunkt einer zukunfts- und sozialgerechten Verkehrswende!

Immer mehr Menschen nutzen den ÖPNV[1] – das ist super, schließlich trägt jede Fahrt in Bus und Bahn zu einer nachhaltigeren, sichereren und ruhigeren Umwelt bei! Aber jede*r, zumindest alle Pendler*innen, kennen diese Situation: Die Bahn fährt schon voll in den Abfahrtsbahnhof ein, alle Sitzplätze, Gänge und Treppen sind mit Fahrgästen belegt, jemand mit Kinderwagen oder Fahrrad muss auf die nächste Bahn warten – und doch: Hinter einer Glastür, die die erste Klasse vom Rest des Zuges trennt, sind und bleiben die allermeisten Sitzplätze die ganze Fahrt über frei. Das erscheint weder sinnvoll noch gerecht – verständlicherweise.

Die Aussicht, dicht gedrängt in überfüllten Zügen zu reisen, motiviert wohl die wenigsten Autofahrer*innen, auf den Schienenverkehr umzusteigen. Dabei ist es genau diese Gruppe, die für den ÖPNV begeistert werden muss, damit der positive Trend, den die ÖPNV-Nutzung verzeichnet, weitergeführt werden und die Verkehrswende – weg vom umwelt- und menschenbelastenden Individualverkehr – gelingen kann. Dies ist nur mit einer niedrigschwelligen und attraktiven Gestaltung des ÖPNV möglich, für die ausreichende Sitzplatzkapazitäten zweifellos grundlegend sind.

Kritiker*innen bringen häufig das Argument vor, durch die Abschaffung der ersten Klasse würden nicht ausreichend zusätzliche Plätze geschaffen, um Kapazitätsmängel gänzlich auszugleichen. Dies könne lediglich durch mehr und längere Züge gewährleistet werden. Doch diese Gegenüberstellung erscheint wenig überzeugend. Schließlich schließen sich diese beiden Maßnahmen nicht gegenseitig aus, sondern können sich im Gegensatz sogar gegenseitig ergänzen. Indem die Plätze der bisherigen ersten Klasse allen Fahrgästen zur Verfügung gestellt werden, können die zu geringen Kapazitäten besonders zu Stoßzeiten kurzfristig sowie aufwands- und kostenarm entlastet werden. Die darüberhinausgehenden Verbesserungen, die für eine zukunftsgerechte Verkehrswende notwendig sind, müssen längerfristig u. a. über Taktverdichtungen und Streckenreaktivierungen bzw. -neubau herbeigeführt werden.

Werden diese Maßnahmen entschieden angegangen und stehen ausreichend Kapazitäten für alle Fahrgäste zur Verfügung, verliert auch das Argument für den Erhalt der ersten Klasse, Erste-Klasse-Nutzer*innen schätzten die Sitzplatzsicherheit, seine Wirksamkeit – schaffen wir attraktive und komfortable Angebote für alle Bürger*innen und nicht nur für die, die es sich leisten können, draufzuzahlen! Positiv anzumerken ist, dass die Deutsche Bahn die Erste-Klasse-Sitzplätze in den vergangenen Jahren bereits verringert hat.[2] Die Zeit ist also reif, um ganz Abschied zu nehmen von der Zwei-Klassen-Gesellschaft in Regionalzügen.

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2185/umfrage/befoerderte-personen-im-nahverkehr-in-deutschland/#professional [12.08.2022].

[2] https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/verkehr-fahrgastverband-abschaffung-der-1-klasse-waere-unfug-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-190815-99-474614 [12.08.2022].

Empfehlung der Antragskommission:
Annahme (Kein Konsens)
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